Als sich Ludwig van Beethoven erstmals dem Komponieren von Streichquartetten zuwandte, hatte diese musikalische Gattung eine kurze, aber intensive musikgeschichtliche Entwicklung hinter sich. Joseph Haydn in Wien und Luigi Boccherini in Italien hatten Mitte des 18. Jahrhunderts unabhängig voneinander die Komposition für zwei Violinen, Viola und Violoncello begründet. Dass sich Haydns Streichquartettkompositionen durchsetzten, lag weniger an deren Kompositionsweise als an der spezifischen Entwicklung der bürgerlichen Musikkultur in Wien.
„Die Werke der großen Komponisten sind bloße Zerrbilder dessen, was sie getan hätten, wenn sie gedurft hätten. Erst Beethoven hat gewagt so zu komponieren wie er wollte." — Theodor W. Adorno
Die Entwicklung der Gattung vor Beethoven
Haydn begann in der Tradition der Divertimenti und Cassationen mit fünfsätzigen Streichquartetten op. 1 und op. 2 (1755-1759), in denen spielhafte, vergnügliche Elemente überwiegen. In den Quartetten op. 9, 17 und 20 (1769-1772) zeichnen sich die Kriterien ab, die auch für Beethovens Quartette gelten sollten: Sechs Quartette werden zu einer Werkgruppe zusammengefasst, mindestens eines steht in Moll, und alle erschließen verschiedenartige Ausdrucksbereiche.
Mit Haydns Quartetten op. 33 von 1781 erreicht die Gattung ihren ersten Höhepunkt. Der expressiv-empfindsame Tonfall weicht einem auf formale Klarheit zielenden Kompositionsstil. Mozart orientierte sich in seinen sechs Quartetten (1781-1784) ausdrücklich an diesem Vorbild, schmolz dessen Verfahren aber in seine eigene, stärker harmonisch orientierte Musiksprache um.
Beethovens neue Position
Für Beethoven hatte sich die soziale Situation des Komponisten gegenüber Haydn und Mozart entscheidend geändert. Er war nicht mehr von staatlicher oder kirchlicher Protektion abhängig. In einem Brief an seinen Jugendfreund Wegeler (Juni 1800) schreibt er: „Meine Compositionen tragen mir viel ein. Auch habe ich auf jede Sache 6, 7 Verleger, und noch mehr. Man accordiert nicht mehr mit mir, ich fordere und man zahlt."
Diese künstlerische Autonomie prägt den neuen Stil der Quartette op. 18, der auf der Verschmelzung von motivisch-thematischer Arbeit und harmonischer Abwechslung beruht. Auffällig ist, wie oft Beethoven die Tongeschlechter Dur und Moll innerhalb kürzester Zeit umschlagen lässt oder unvorbereitet die Tonarten wechselt.
Die sechs Quartette im Einzelnen
Quartett Nr. 1 F-Dur
Die Entstehungsgeschichte des F-Dur-Quartetts zeigt, wie schwer sich Beethoven das Komponieren machte. Eine erste Fassung widmete er seinem Freund Amenda mit warmen Worten. Nach der Überarbeitung schrieb er: „Dein Quartett gieb ja nicht weiter, weil ich es sehr umgeändert habe, indem ich erst jetzt recht Quartetten zu schreiben weiß."
Der erste Satz beginnt mit einem im Unisono gespielten rhythmisch prägnanten Motiv. Adolph Bernhard Marx zählte 131 Wiederholungen dieses Motivs in 427 Takten. Das Adagio affettuoso ed appassionato zeigt den typischen plötzlichen Wechsel von Dur nach Moll. Das Scherzo erreicht seinen Reiz durch untypische Periodenlängen und chromatische Verschiebungen.
Quartett Nr. 2 G-Dur
Das G-Dur-Quartett zeichnet sich durch eine Vielzahl thematischer Einfälle aus. Schon das Thema des Hauptsatzes lässt sich in drei charakteristische Motive aufteilen, deren musikalischer Geste wegen dieses Quartett im 19. Jahrhundert den Beinamen „Komplementierquartett" erhielt.
Quartett Nr. 3 D-Dur
Das D-Dur-Quartett beginnt mit einem weitausschwingenden musikalischen Einfall. Der charakteristische Septimensprung des Themenkopfes wird später häufig aufgenommen. Der langsame Satz offenbart im Detail komplexe Verarbeitungstechniken mit harmonischen Knoten, die für extreme Ausdruckssteigerungen sorgen.
Quartett Nr. 4 c-Moll
Das vierte Quartett gilt manchen als „schwarzes Schaf" der Serie. Die Art, wie Techniken der „Mannheimer Schule" in die Komposition eingegangen sind, ist jedoch genuin Beethoven. Im zweiten Satz gelingt die einzigartige Symbiose von Tanzcharakteren und kontrapunktischen Techniken.
Quartett Nr. 5 A-Dur
Das fünfte Quartett hat in Mozarts A-Dur-Quartett KV 464 ein Vorbild. Es folgt ein langer Variationensatz, dessen einfaches Thema in fünf Variationen die verschiedensten Umformungen erfährt. Beethoven gelingen wunderbare Veränderungen der musikalischen Charaktere, obwohl das Thema durchweg präsent bleibt.
Quartett Nr. 6 B-Dur
Der letzte Satz beginnt ungewöhnlich mit einem Adagio: „La Malinconia" (Melancholie). Obwohl das Stück klar nach B-Dur gehört, ändern sich später laufend die Tonarten. Joseph Kerman umschrieb dies als „kleines harmonisches Labyrinth". Die huschende Prestissimo-Schlussstretta wirkt nicht befreiend, sondern wie ein Flüchten.
Beethovens Bedeutung
„Beethoven verstehen heißt die Tonalität verstehen", schrieb Adorno. „Sie liegt nicht nur als Material seiner Musik zugrunde, sondern ist sein Prinzip, sein Wesen." Die Streichquartette op. 18 markieren den Beginn einer Entwicklung, die in den späten Quartetten gipfelt – Werke, in denen „die Beethovensche Polyphonie im wörtlichen Sinn Ausdruck des Schwindens des Harmonieglaubens" wird.
Weiterführende Analysen: Beethovens Sinfonien · Schönberg und Britten: Quartette · Adorno zur Zwölftontechnik