Die Gattung der Sinfonie hatte sich bereits etabliert, als Ludwig van Beethoven sich ihr zuwandte. Mozart und Haydn hatten kompositionstechnische Maßstäbe gesetzt und den musikalischen Charakter dieser Gattung entscheidend geprägt – weg vom Divertissement, hin zum selbständigen Orchesterwerk. Bei Beethoven wird die Sinfonie zum zentralen Sprachrohr der Musik, weil sie nunmehr eine öffentliche Veranstaltung ist.
„Die Symphonie ist zu dem Ausdruck des Großen, des Feierlichen und Erhabenen vorzüglich geschickt." — Johann Abraham Peter Schulz, 1794
Diese Einschätzung begründete Schulz innermusikalisch: Die Allegros der besten Kammersymphonien enthalten große und kühne Gedanken, freie Behandlung des Satzes, anscheinende Unordnung in der Melodie und der Harmonie, plötzliche Übergänge und Ausschweifungen von einem Ton zum andern.
Die 5. Sinfonie c-Moll op. 67 – So klopft kein Schicksal an die Tür
War in der ersten Sinfonie noch das klassische Paradigma Haydns und Mozarts vernehmlich, so wandelte sich diese klassische Glätte auf dem Weg zur fünften Sinfonie erheblich. Die komplette Beethoven 5. Sinfonie beruht hauptsächlich auf einem einzigen musikalischen Gedanken. Es ist dieses viertönige Motiv, das gerne mit dem Schicksal in Verbindung gebracht wird.
Die fünfte Sinfonie ist zum Paradigma geworden, das als „per aspera ad astra" (durch Nacht zum Licht) den Formverlauf vieler später komponierter Sinfonien mitprägte. Gemeint ist ein Verfahren, bei dem der Formverlauf durch Irrungen und Wirrungen bestimmt ist, an dessen Ende jedoch ein hell strahlendes Thema steht.
Das Klopfmotiv und die motivische Arbeit
Die komplette fünfte Sinfonie wird durch dieses klopfende Anfangsmotiv geprägt. Dieser integrale Gedanke erweist sich im Laufe der Sinfonie überraschend wandlungsfähig. Man kann an der fünften Sinfonie quasi die zweite Geburt der motivischen Arbeit ausmachen.
Nicht mehr sind es komplette Themengestalten, aus denen Zähne herausgebrochen werden oder die harmonisch umgedeutet werden. Es ist der umgekehrte Weg: Aus dem Bruchstück heraus wird der komplette Formverlauf gewonnen.
Der erste Satz: Allegro con brio
Das besagte Klopfmotiv bestimmt den Hauptsatz des ersten Satzes, aber es leitet auch die Seitengruppe ein, wobei der Intervallsprung von einer Terz auf die Quint ausgeweitet wird. So klar die Verhältnisse notiert sind, so unklar sind sie beim Hören. Man kann von Anfang an nicht recht unterscheiden, ob das Motiv auftaktig oder volltaktig ist.
Besondere Passagen in der Durchführung
Auf zwei weitere Elemente der neuen Musiksprache Beethovens soll hier eingegangen werden, die sehr im Schatten geblieben sind. Es handelt sich um ausgedehnte Passagen in der Durchführung des ersten Satzes, der Fortspinnung der C-Dur-Fanfaren des zweiten Satzes sowie der Überleitung zum Schlusssatz.
An diesen Stellen kommt die Musik zu einer ungewohnten Besinnung. Alle rhythmische Strukturierung ist aufgehoben. Im ersten Satz wird die Musik handfest zum Stehen gebracht – wie ausgesaugt liegen die Klänge da, bevor die Reprise einsetzt.
Die 1. Sinfonie C-Dur op. 21 – Kühnheit und Tradition
Die erste Sinfonie, die 1802 zum ersten Male aufgeführt wurde, zeigt den Übergang deutlich an. Einerseits steht sie in einem klassischen Sinne neben den Sinfonien Mozarts und Haydns, andererseits ist unter ihrer „harmlosen" Schale schon weit mehr angelegt.
Beethoven betritt den sinfonischen Boden mit einer Frage. Die erste Sinfonie beginnt mit einer langsamen Einleitung, an deren Spitze ein Dominantseptakkord steht. Es ist dieser Eintrittsraum der Sinfonie, der ihren Ruhm prägte. Die Musik schleicht sich langsam ins Geschehen als ein großartiger Auftakt, nicht als These.
Der Aufbau der 1. Sinfonie
Das Hauptthema des Hauptsatzes wird nicht prachtvoll exponiert, sondern huscht leise daher. Das C-Dur ist so eindeutig durch den dominantischen Auftakt dargestellt, dass es sofort der Abweichung bedarf. Die Wiederholung erfolgt auf der zweiten Stufe in D-Moll, der eine weitere Variante in der Dominante G-Dur folgt.
War der erste Satz noch wesentlich ohne prägnante Melodienbildung ausgekommen, so bildet der zweite Satz (Andante cantabile con moto) den charakteristischen Kontrast. Das federnde Hauptthema im 3/8-Takt bleibt immer präsent. Es ist so selbstverständlich wie irregulär, nämlich siebentaktig.
Beethovens Bedeutung für die Sinfonik
Ludwig van Beethoven, geboren 1770 in Bonn, lernte als Kind Klavier, Violine, Bratsche und Orgel. 1792 ging er nach Wien und nahm Kompositionsunterricht bei bedeutenden Lehrern seiner Zeit. Insgesamt schrieb Beethoven bis zu seinem Tod neun Sinfonien, die das Fundament der romantischen Sinfonik bildeten.
Die fünfte Sinfonie steht exemplarisch für Beethovens revolutionären Umgang mit der Form. Die Konzeption, ein ganzes Werk aus einem einzigen Motiv zu entwickeln, beeinflusste Generationen von Komponisten und prägt unser Verständnis sinfonischer Musik bis heute.
Weiterführende Analysen: Beethovens Streichquartette op. 18