Adorno und die Zwölftontechnik: Theorie und Komposition

Von Oskar Lehner · Musiktheorie · Adorno

Die Auseinandersetzung mit der Zwölftontechnik nimmt eine herausragende Stellung in Adornos gesamtem musiktheoretischen Werk ein. Dennoch ist die Adorno-Rezeption lange Zeit von Verkürzungen geprägt gewesen. Die These, Adorno sei ein „erklärter Zwölfton-Gegner" gewesen, lässt sich bei genauer Betrachtung nicht halten.

„Dogmatismus ist leicht die Folge, wenn man Resultate appropriiert, ohne den meist selbstkritischen Prozeß mitzuvollziehen." — Theodor W. Adorno
Akademisches Arbeitszimmer mit Schreibmaschine
Der Arbeitsplatz des Theoretikers – Zwischen Reflexion und Kritik

Die historischen Phasen der Auseinandersetzung

Adornos Auseinandersetzung mit der Zwölftontechnik lässt sich in verschiedene Stadien gliedern. Diese Periodisierung ist keine starre Einteilung, sondern dient als Hypothese, die sich im Verlauf der Analyse rechtfertigt.

1920 bis 1925: Die frühe Phase

Adornos frühe Auseinandersetzung mit Musik nimmt ihren Ausgangspunkt in seiner Kritik des literarischen Expressionismus. In dieser Zeit konnte Zwölftontechnik kein Thema für ihn darstellen, weil die ersten Zwölftonkompositionen Schönbergs erst 1925 veröffentlicht wurden.

1925 bis 1934: Apologie der Zwölftontechnik

Ab 1925 beginnt Adornos kompositorische Auseinandersetzung mit der Zwölftontechnik, gefolgt von theoretischen Texten ab 1927. Diese Phase lässt sich als Apologie der Zwölftontechnik kennzeichnen. Adornos kompositorische Auseinandersetzung setzte vor seiner theoretischen an – ein wichtiger Hinweis auf die praktische Fundierung seiner späteren Theorie.

1934 bis 1948: Kritik der Zwölftontechnik

Das Zentrum dieser Phase bildet das Schönberg-Kapitel der „Philosophie der neuen Musik" (entstanden 1940/41). Texte und Kompositionen dieser Zeit lassen sich als Kritik der Zwölftontechnik auffassen – jedoch nicht als pauschale Ablehnung, sondern als differenzierte Auseinandersetzung mit den immanenten Problemen der Methode.

1949 bis 1969: Retrospektive und Historisierung

Nach 1950 ist Adornos Auseinandersetzung durch das Weiterdenken der „Philosophie der neuen Musik" gekennzeichnet, wobei es zu Korrekturen und Ergänzungen kommt. Im Zusammenhang mit der Kritik der seriellen Musik verändert sich Adornos Bild der Zwölftontechnik: Es wird retrospektiv und historisierend.

Adorno als Komponist

Dass Adorno komponiert hat, wurde mittlerweile registriert. Seine Kompositionen sind jedoch nicht deshalb interessant, „weil Theodor W. Adorno es war, der sie verfaßte", sondern weil sich in ihnen zahlreiche Bezüge zur Zwölftontechnik Schönbergs ausmachen lassen.

Das Spektrum der relevanten Kompositionen umfasst 19 Einzelstücke aus den Jahren 1925 bis 1944. Die Behauptung, Adorno habe sich „der alleinseligmachenden Reihentechnik verschlossen", ist sachlich falsch. Dass diese umfangreiche kompositorische Auseinandersetzung bislang kaum auffiel, liegt teils an der Kompositionstechnik selbst, teils an der teilweise fehlerhaften Edition der Kompositionen.

Das methodische Problem

Adornos Begriffsbildung erscheint widersprüchlich, wenn man ältere und jüngere Texte vermischt. Er selbst hat die Notwendigkeit chronologischer Darstellung betont: „Er pflegt das jeweils ihm erreichbare Resultat dessen zu geben, was er denkt, nicht den Prozeß, der es dahin brachte."

Das Ziel einer angemessenen Auseinandersetzung muss es sein, die Beziehungen zwischen eigener Kompositionspraxis, theoretischer Deutung fremder Werke und ästhetischer Auffassung kompositionstechnischer Probleme in chronologischer Entwicklung darzustellen. Adornos Auseinandersetzung mit der Zwölftontechnik war stets differenziert und vor allem historisch differenziert.

Die philosophische Dimension

Die „Philosophie der neuen Musik" verstand Adorno als „ausgeführten Exkurs zur Dialektik der Aufklärung". Die musikästhetische Perspektive ist daher untrennbar mit philosophischen und soziologischen Fragen verbunden. Die Kritik an der Zwölftontechnik ist letztlich eine Kritik am Verhältnis von Rationalität und Freiheit in der künstlerischen Produktion.

Weiterführende Analysen: Adornos Kompositionen · Schönbergs Spätwerk · Eisler und Adorno