Theodor W. Adorno: Kompositionen und musikalisches Schaffen

Von Oskar Lehner · Werkübersicht · Adorno

Wenn man von Theodor W. Adorno (1903-1969) im Zusammenhang mit Musik spricht, denkt man meist an den Musiktheoretiker, nicht an den Komponisten. Gleichwohl war Adorno 1925 ein halbes Jahr lang Kompositionsschüler von Alban Berg. Sein Kompositionsstil orientiert sich weniger an Schönberg als an Berg und Webern sowie – in wenigen, dafür aber klaren Fällen – an Hanns Eisler.

„Die Arbeit Wiesengrunds ist in seinem Ernst, seiner Knappheit und der unbedingten Reinlichkeit seiner Faktur würdig, als zur Schule Schönbergs gehörig bezeichnet zu werden." — Alban Berg an Arnold Schönberg
Hände am Klavier
Der Komponist am Klavier – Adornos praktische Seite der Musiktheorie

Adorno und die Schönberg-Schule

Schönberg hat Adorno „nie leiden können", wie eine Notiz aus dem Jahr 1950 belegt. Diese Gegnerschaft rührte schon aus den ersten Begegnungen her. Adorno erwiderte Schönbergs Unbehagen allerdings nicht – Schönberg blieb ihm auch nach dessen Tod die zentrale musikalische Figur des 20. Jahrhunderts.

Mit Hanns Eisler verband Adorno die im amerikanischen Exil angefertigte Arbeit an „Komposition für den Film" (1944). Er stand sogar einmal in engstem Kontakt zu Bertolt Brecht, so dass er Texte von ihm als „Zwei Propagandagedichte" (1945) vertonte.

Chöre op. 8 (1923/1944)

Noch bevor Adorno in engeren Kontakt zur Schönberg-Schule trat, komponierte er 1923 drei Gedichte von Theodor Däubler für vierstimmigen Frauenchor. Diese Fassung verschwand für lange Zeit in der Schublade, ehe Adorno 1945 die Stücke überarbeitete und Ernst Krenek widmete. Dabei hat Adorno hauptsächlich die harmonische Dimension einer Überarbeitung unterzogen.

Das erste Stück, „Dämmerung", lebt ganz vom harmonischen Zwielicht, das durch die Verwendung von Querständen hervorgerufen wird. Alle Bewegungen zielen darauf ab, den Schlussvers zu intonieren: „Du sollst nicht immer traurig sein."

Sept Chansons Populaires Françaises (1925-1928)

Adorno, den man schnell zum Apologeten der Schönberg-Schule stempelt, hat sich selbst nie in diesem Maße musikalisch eingrenzen lassen. Er hegte eine ausgeprägte Vorliebe für die französische Musik: Debussy, Satie, vor allem aber Maurice Ravel.

Die „Sept Chansons Populaires Françaises" – Liebes- und Revolutionslieder – arrangierte Adorno mit leichter Hand. Er bringt harmonische Wendungen unter, die von zauberhafter und eleganter Klanglichkeit sind: Akkorde, die durch das Aufschichten von Terzintervallen entstehen, parallel geführte Mixturen. Diese Stilmittel verleihen der Musik einen „schwebenden" Charakter.

Philosophische Wirkung

Eine nachdrückliche Wirkung entfaltet Adorno zur Zeit vor allem in der Philosophie und Soziologie. Mit seiner „Negativen Dialektik" (1966) und der fragmentarisch gebliebenen „Ästhetischen Theorie" (1970 posthum erschienen) setzte er Maßstäbe für ein selbstbewusstes, diesseitiges und gleichwohl kritisches Denken.

Weiterführende Analysen: Adorno zur Zwölftontechnik · Eisler und Adorno