Arnold Schönbergs späte Werke: Kol Nidre und die letzten Chorstücke

Von Oskar Lehner · Werkanalyse · Schönberg

1933 verfinsterte sich das politische Klima für Schönberg dramatisch. Als der Präsident der Preußischen Akademie der Künste verkündete, dass der „jüdische Einfluss zu brechen sei", verließ Schönberg die Sitzung. Im Mai verbrannten Bücher und Noten auf dem Opernplatz, und nur Tage später kehrte er Berlin für immer den Rücken. In Paris trat er wieder der jüdischen Glaubensgemeinschaft bei.

„Ich bin seit langem entschlossen, Jude zu sein." — Arnold Schönberg an Anton Webern
Abstrakte Visualisierung einer Zwölftonreihe
Die Struktur der Zwölftonreihe – Grundlage von Schönbergs später Kompositionstechnik

Kol Nidre op. 39 (1939)

Kol Nidre für Sprecher, Chor und kleines Orchester entstand 1939 auf Anregung des Rabbiners Jakob Sonderlings. Schönberg hielt den traditionellen Text zunächst für „wahrhaft unmoralisch", weil er suggeriere, dass am Versöhnungstag alle Verpflichtungen gelöst sein sollten. Er arbeitete ihn so um, dass er sich auf jene bezog, die freiwillig oder unter Zwang den christlichen Glauben nur zum Schein angenommen hatten.

Im Schaffen Schönbergs wirkt diese Komposition wie ein Nebenwerk, doch ist das Stück wirklich neu: Es ist die erste Komposition seit langer Zeit, die tonale Idiome ganz ausdrücklich verwendet. Eine Hauptaufgabe war, „die Cello-Sentimentalität der Bruch etc. wegzuvitriolisieren und diesem Dekret die Würde eines Gesetzes zu verleihen".

Dreimal tausend Jahre op. 50a (1951)

Schönbergs späte Werke seit dem Streichtrio op. 45 zeichnet eine außerordentlich ernste, jedoch nicht verbissene Musiksprache aus. Er litt seit 1945 an einer schweren Herzkrankheit, die ihm jede Arbeit nur noch unter größter Anstrengung erlaubte. Die beiden Chorstücke op. 50a und 50b aus dem Jahr 1951 sind seine letzten vollendeten Werke.

Dreimal tausend Jahre ist mit den Mitteln der Zwölftontechnik komponiert, aber so, als hangele sich der musikalische Satz an der traditionellen Harmonik entlang. Text und kompositorische Verarbeitung werden mit größter Diskretion zum Ausdruck gebracht: mit der Bescheidenheit, die den wartenden Gläubigen eigen sein dürfte, wenn sie den Vorschein der Wiederkehr Gottes erahnen.

Psalm 130 op. 50b (1951)

Der Psalm 130 wird in hebräischer Sprache gesungen. Auch dieses Werk bedient sich der Zwölftontechnik, die aber nicht mehr so rigoros gehandhabt wird wie in den ersten Zwölftonwerken. Die Kombination von Gesang und Sprechgesang verleiht dem Stück den Anrufungscharakter, der der religiösen Bedeutung der Psalmen entspricht.

Der Tonfall ist viel krasser, stählerner und verzweifelter als bei Dreimal tausend Jahre. Musikalisch kulminiert das Stück bei dem Satz: „Harre, Israel, auf den Herrn." Bekenntnisreich widmete Schönberg diese Komposition dem neuen Staate Israel.

Weiterführende Analysen: Schönberg und Britten · Adorno zur Zwölftontechnik