Es gibt Kompositionen, denen man sich nicht ohne ein Wort der Erklärung nähern kann – Kompositionen, die bis zu einem bestimmten Datum ein ganz normales Leben im Konzertsaal führten. Die 1854 fertiggestellte sinfonische Dichtung „Les Préludes" von Franz Liszt gehört zu diesen Werken. Sie wurde 1941 politisch enteignet, als die Nationalsozialisten ein akustisches Signal für Wehrmachtsmeldungen im Krieg gegen die Sowjetunion benötigten.
„Was anderes ist unser Leben, als eine Reihenfolge von Präludien zu jenem unbekannten Gesang, dessen erste und feierliche Note der Tod anstimmt?" — Franz Liszt, Vorwort zu Les Préludes
Die historische Belastung
Während die Deutschen Leningrad belagerten – zu dessen Drama Schostakowitsch seine Siebte Sinfonie schrieb – bekamen die Deutschen in der Heimat am „Volksempfänger" mit einer Passage aus Les Préludes, der „Rußland-Fanfare", vermeintliche „Erfolgsmeldungen" von einem Krieg, dessen einziges Ziel darin bestand, zu erobern und zu vernichten.
Liszt ist jedoch mit keinem Wort und keinem Ton als Vordenker nazistischer Ideologie hervorgetreten. Der Missbrauch durch die Propaganda wird evident durch eine Auslassung: Die Nazis unterschlugen, dass Liszts Kommentar mit Worten über den Tod beginnt. Was denn anderes war dieser Deutsche Krieg!
Die Sinfonische Dichtung als Gattung
Mit seinen sinfonischen Dichtungen rief Liszt eine neue musikalische Gattung ins Leben, deren Eigenart merkwürdig unbestimmt blieb. Es handelt sich weder um Programmmusik noch um „absolute Musik", die sich bloß als Folge musikalisch-logischer Prozesse verstünde. Bei Les Préludes liefe eine Deutung als „Symphonisierung von Dichtung" vollkommen ins Leere, denn dieses Werk war zunächst (1848) als Einleitung zum unvollendeten Chorwerk „Les Quatre Éléments" gedacht.
Der Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus erklärte Liszts Vorhaben so: „Für die symphonische Dichtung war der erklärende Text ein durchaus sekundäres Moment. Als einzig entscheidend empfand Liszt die Bestimmtheit des Ausdrucks, die Prägnanz, mit der die Musik ihren Gegenstand der Phantasie und dem Gefühl vermittelte."
Musikalische Analyse
Les Préludes zeichnet sich durch die Verbindung zweier Strukturmomente aus: Es ist einerseits ein geschlossenes musikalisches Gebilde mit thematisch-motivischer Arbeit, die formalen Zusammenhang garantiert. Zugleich liegt über dieser Logik die Absicht, den thematischen Teilen prägnante Ausdrucksformen zuzuordnen, an denen sich die assoziative Phantasie der Zuhörer entzünden kann.
Die formale Struktur
Formal schreibt Liszt nicht weniger als eine mehrsätzige Symphonie in einem Satz: Eine langsame Einleitung, eine kraftvolle Fanfarenidee (C-Dur), ein lyrischer Kontrastteil (E-Dur), ein leichtes Pastoralenstück und schließlich die Reprise der Fanfarenidee im „Allegro marziale".
Das zentrale Motiv
Zusammengebunden werden diese formalen Ideen durch ein zentrales rhythmisch-melodisches Motiv aus nur drei Tönen. In der Einleitung wird es sofort nach den eröffnenden Pizzicato-Klängen eingeführt, charakterisiert durch einen punktierten Rhythmus und einen melodischen Verlauf, der häufig auf die Terz oder den Grundton eines Akkordes zielt.
Im Fanfarenteil wird dieses Motiv als Kopfmotiv verwendet. Es wandert später vom Kopf des Themas in dessen melodisches Zentrum und bleibt auch in den Nebenstimmen präsent. Im Seitensatz (E-Dur) wird das zentrale Motiv langsam in seine ursprüngliche melodische Gestalt zurückgeführt.
Durchführung und Reprise
Die Durchführung beginnt mit dem Hauptmotiv, das über chromatische Skalen wie im Klangrausch durch die Register zieht. Der Pastoraleteil führt einen neuen Ton ein, nicht nur rhythmisch-melodisch, sondern auch durch die Instrumentation, die das Melos den Holzbläsern plus Horn übergibt.
Diese Neuheit wird später mit dem „alten" Material des Seitensatzes verkoppelt und wie im Quodlibet gebracht. Das „Allegro marziale" am Ende biegt die lyrische Umformung des Fanfaren-Themas brachial auf einen scharf betonten 4/4-Takt um.
Bedeutung des Werks
Les Préludes steht exemplarisch für Liszts Synthese von poetischer Idee und musikalischer Logik. Die Fanfare, die später so missbraucht wurde, ist im Original Teil eines Werkes über den Tod und das Leben – nicht über Krieg und Eroberung. Die Kenntnis dieser ursprünglichen Bedeutung ermöglicht eine angemessene Würdigung dieses bedeutenden Orchesterwerks.
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