Lontano - György Ligetis Meisterwerk der Klangflächen

Von Oskar Lehner · Werkanalyse · Ligeti

Das Werk beginnt im vierfachen Piano auf einem einzigen Ton: dem eingestrichenen As einer Flöte und eines Cellos. Aus diesem minimalen Ausgangspunkt entwickelt György Ligeti in Lontano (1967) eine Klangarchitektur von bemerkenswerter Komplexität. Der ungarische Komponist setzt das gesamte Orchester solistisch ein und führt die Stimmen in kanonischen Strukturen, wobei einzelne Linien wie verschlungene Fäden aufeinander folgen.

Partiturausschnitt mit dichter Cluster-Notation
Die dichte Notation in Ligetis Orchesterwerken
„Diese Musik ist jetzt ganz entschwunden, fort. Das Wort ‚Lontano' bedeutet in etwa entfernt, weit weg, in der Ferne." — Zur Bedeutung des Titels

Entstehung und Kontext

Ligeti Lontano entstand 1967 als Auftragswerk und markiert einen Höhepunkt in Ligetis Entwicklung der Klangflächenkomposition. Nach dem Erfolg von Atmosphères (1961) verfeinerte Ligeti seine Technik der Mikropolyphonie weiter. Die Uraufführung fand bei den Donaueschinger Musiktagen statt, wo das Werk sofort als bedeutende Weiterentwicklung erkannt wurde.

Der Titel „Lontano" (italienisch für „entfernt" oder „in der Ferne") beschreibt präzise den klanglichen Charakter: Die Musik wirkt verschwommen und ungenau, obwohl an bestimmten Stellen schärfere Konturen hörbar werden. Es entsteht der Eindruck, als rücke die Musik näher an die Ohren der Hörenden heran und entferne sich wieder.

Kompositionstechnik

Die Tonschritte in Lontano sind überwiegend sehr klein, und die kanonischen Einsätze erfolgen nicht auf den betonten Taktteilen. Vielmehr liegen die Einsätze zwischen der „Zähl"-Zeit – die Zeit scheint zu schweben. Durch diese Technik entsteht eine Klangfläche, die gelegentlich durch musikalische Eruptionen innerhalb des Orchesterklangs moduliert wird.

Harmonische Struktur

Am Anfang des Werks ist die Dynamik exakt phrasiert: Aus dem vierfachen Piano entwickelt sich ein Crescendo zum einfachen Piano und zurück bis zum Verlöschen des Tones (morendo). Dadurch entsteht ein feines Tongewebe, vergleichbar dem Knüpfen eines Netzes oder dem Verweben eines Teppichs aus kürzeren und längeren Fäden.

Die formale Struktur lässt sich als Folge musikalischer Knoten beschreiben. Am Anfang fächert sich ein Ton im Tonraum auf, dieser Fächer wird langsam zugeklappt und endet auf dem dreigestrichenen C. Es folgt eine Passage, in der hohe und tiefe Töne über sieben Oktaven getrennt erklingen – ein zerrissener Klang, der sich zu einem Zwölftonklang vervollständigt.

Orchestrierung

Ligeti behandelt das Orchester als Klangkörper, in dem jede Stimme einer eigenen Linie folgt. Wenn kanonische Prozesse mit weiteren kanonischen Prozessen überlagert werden, verschiedene Tonlagen und Instrumentengruppen gewählt und diese mit unterschiedlichen Dynamiken und Artikulationsweisen versehen werden, entsteht aus einem einzigen Ton eine vielfarbig schillernde Klangskulptur.

Besonders eindrucksvoll ist die Passage zur Mitte des Werks, wenn die Musik über einen dreiundzwanzigstimmigen Kanon mit absteigender Tonfolge bis auf einen tiefen Ton geschlossen wird. An dieser Stelle scheint die Zeit stillzustehen, wenn Streicherflageoletts den Grundton ergänzen.

Bedeutung im Werk Ligetis

Lontano repräsentiert Ligetis einzigartige Verbindung von technischer Abstraktion und expressiver Wirkung. Während weite Teile der musikalischen Avantgarde in den 1950er Jahren „Ausdrucksmusik" vermieden, stellten sich Komponisten der 1960er Jahre erneut die Frage, wie Ausdruck möglich wird, ohne in bekannte Gesten zu verfallen.

Mit Lontano gelingt Ligeti eine Antwort: Das Stück ist einerseits auf höchstem Abstraktionsniveau komponiert, andererseits mit einem Gespür für Ausdruck geschrieben, der sich nicht verbalisieren lässt. Damit sagt diese Musik gleichzeitig „Nichts" und „Etwas" – sie erzeugt Gehör und Mitgefühl, ohne dass sich präzise benennen ließe, worin dieses „Etwas" besteht.

Das Ende des Werks führt ins Unhörbare: Über dem vorletzten Takt steht „senza tempo" mit einer Dauer von zehn bis zwanzig Sekunden. Der letzte Takt ist eine Generalpause – kein Ton als Ton, sondern Raum für das Nachhören, für das Lauschen in die musikalische Raumtiefe hinein.

Weiterführende Analysen: Ligetis Atmosphères · Beethovens Sinfonien