Hanns Eisler: Werke und Kompositionen im Überblick

Von Oskar Lehner · Werkübersicht · Eisler

Hanns Eisler (1898-1962) vereinte höchstes künstlerisches Niveau mit politischem Engagement wie kaum ein zweiter Komponist seiner Zeit. Als Schüler Schönbergs lernte er „Redlichkeit in der Musik, Verantwortlichkeit in der Musik und das Fehlen von jeder Angeberei". Doch wo diese Suche nach musikalischer Wahrheit sich äußern sollte, beantworteten Eisler und Schönberg unterschiedlich.

„Wir verehren Hanns Eisler als den bedeutendsten deutschen Komponisten der Arbeiterklasse." — Eberhardt Klemm, 1973
Arbeiterchor in den 1930er Jahren
Eislers Musik für die Arbeiterbewegung – Solidarität durch Gesang

Zeitungsausschnitte op. 11 (1925-27)

Anstatt Musik zu weiteren „Herzergießungen" zu erfinden, benutzt Eisler als Textvorlage tatsächlich Zeitungsausschnitte – dokumentarische Texte wie Heiratsannoncen oder Kinderreime. Diese Tradition erhält bei Eisler eine eminent politische Stoßrichtung: Hier reimt sich nicht Schmerz auf Herz, sondern Arbeitslosigkeit auf Inflation.

Durch die Verwendung rhythmisch und melodisch markanter Idiome führt Eisler den Text zur Selbstentlarvung, ohne sich darüber lustig zu machen. Kompositorisch orientiert sich Eisler weniger an Schönberg als am Tonfall Bergs, speziell seiner Oper „Wozzeck".

Kleine Sinfonie op. 29 (1932)

Eislers Kleine Sinfonie trägt viele Zeichen einer großen Sinfonie (vier Sätze, vier Charaktere), nur ist sie auf zehn Minuten Aufführungsdauer zusammengedrängt. Im ersten Satz geht es um die 23-malige Variation eines sechstaktigen Themas. Der Schlussatz ist ein Rausschmeißer mit großer, aber zickiger Geste – das klingt nicht wirklich ernst gemeint, zumindest nicht nach der Bierernstigkeit der religiösen oder expressionistischen Erbauungsmusik.

Chöre op. 13 und op. 21 (1928-30)

Diese Chorstücke bringen den zeitweise bekanntesten Eisler zu Gehör – jenen Eisler, der mit Propagandastücken in die politische Gegenwart eingriff. Der „Vorspruch" aus op. 13 beschreibt deutlich, welche Art von verwaschener musikalischer Haltung nicht zu betreiben sei: religiöse Belanglosigkeit, falsche Naturergebenheit und dumm-kitschige Liebeslyrik.

Fünf Orchesterstücke (1938)

1938 schrieb Eisler Musik zu dem Dokumentarfilm „400 Millionen" von Joris Ivens. Aus dieser Musik filterte er fünf Orchesterstücke, um zu zeigen, dass eine gute Filmmusik auch ohne Film hohen künstlerischen Ansprüchen genügen kann. Allen Teilen gemeinsam ist ein besonderer Tonfall, der unter dem Gebot der Durchhörbarkeit steht – Distanziertheit ist das Zauberwort dieser Stücke.

Ernste Gesänge (1961)

Die „Ernsten Gesänge" sind Eislers letztes, ein sehr intimes Werk, von dem er sagte: „Weiß der Teufel, warum ich das geschrieben habe!" Das Hölderlin-Epigramm zu Beginn erklärt alles: „Viele versuchten umsonst, das Freudigste freudig zu sagen, hier spricht endlich es mir, hier in der Trauer sich aus."

Eisler benutzt durchweg in kleinsten Dosierungen Schönbergsche Verfahren, doch zugleich ist seine Musiksprache von einer Sentimentalität bestimmt, die deutlich von Brahms'schen Erfahrungen herrührt. Wer genau hinhört, findet hier den ganzen Eisler wieder.

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