Die Dokumente des letzten Jahrhunderts, auch die künstlerischen, fallen uns nicht mehr als unverwandelte Substanz zu. Das komplette Jahrhundert wird überschattet von Äußerungen menschlicher Barbarei. Für manche wird Eislers Musik selbst zum Material. Von Adorno bleibt gegenwärtig auch nicht viel übrig außer neuen Erinnerungsbildern, die man anlässlich einer Jubiläumssituation hervorkramt, damit man sie nur schneller vergessen kann.
„Die strikte Anwendung Adornoscher Gedanken führt zu unlebendiger Imitation. Das ist der Tod der Theorie: dass man sie wiederholt." — Oskar Negt
Adorno und Eisler: Getrennte Wege, gemeinsame Ursprünge
Adorno und Eisler verbindet eine lange gemeinsame Zeit: im Kreis um Schönberg Anfang der 1920er Jahre und später bei der Abfassung des Filmmusikbuches im amerikanischen Exil. 1925/26 saßen beide an der Komposition von Zeitungsausschnitten. Die Wahl der Texte war kein Zufall, so wenig wie später bei Adornos Vertonung der „Propagandagedichte" 1943.
Dennoch werden tiefgreifende Differenzen zwischen Eislers und Adornos Vorstellungen über Musik behauptet. Wer genau liest, wird jedoch statt der Unterschiede die Gemeinsamkeiten entdecken.
Die Trennung durch die Systeme
Die größte Differenz liegt in der gegenseitigen Isolation durch die politischen Systeme. Zwischen Kommunistenhassern und Imperialismusfeinden waren Adorno und Eisler wie in Töpfen eingekocht. Da ist Adorno, für den sich in den 1950er Jahren niemand interessierte und den die Studentenbewegung der 1960er Jahre ebenso erfreut wie schließlich zermürbt hat. Da ist Eisler, der verdiente Künstler des Volkes, der sich krumm genug bog, um den neuen sozialistischen Staat mit Musik zu unterbauen.
Beide konnten feststellen, dass man von Staats und Volkes wegen kaum einen Pfifferling auf sie gab: „Ich bin froh, wenn überhaupt einer der Herren ein Stück von mir spielt. Und glauben Sie mir, es spielt kein Herr mehr ein Stück von mir – oder sehr selten", sagte Eisler. Beide sind am Ende ihres Lebens Verlierer.
Der Materialbegriff
Brecht warf Adorno vor, es seien „ausschließlich bautechnische, beinahe mathematische Erwägungen und Postulate der Logik bei der Anordnung des tonalen Materials" erfasst worden. Eisler stimmte zu. Doch die Frage bleibt: Hat Adorno das überhaupt so gesagt?
Adorno koppelt die These über den „Kanon des Verbotenen" zwar an einen „Stand der Technik". Aber nur zwei Seiten weiter steht: „Kein Akkord ist an sich falsch, schon weil es keine Akkorde an sich gibt." Und die Frage war auch zuvor nicht bloß technisch aufgelöst: Das „technisch erfahrene Ohr" hört, dass etwas nicht mehr geht. Darin sind die Erfahrungen eines Eisler gar nicht so verschieden.
1961: Beide stehen quer
Eisler sagte: „Ich bin gegen das schlechte Hören und gegen die schlechten Interpreten, und ich bin gegen die schlechten Komponisten. Ich bekämpfe das seit 1918. Heute ist 1961. Ich gebe zu, ich bin besiegt worden." Adorno resignierte mit Blick auf die Utopie: „Die Gestalt aller künstlerischen Utopie heute ist: Dinge machen, von denen wir nicht wissen, was sie sind."
Die „Ernsten Gesänge" kümmerten sich nicht mehr darum, was Eisler dem Staat schulde. Sie wurden nie „Volkes eigen": „Das mag einen Sinn haben für Leute, die sich in besseren Zeiten um meine Kunst kümmern werden."
Weiterführende Analysen: Adornos Kompositionen · Eisler und Adorno